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01.10.2004 Beisetzung - Die Kirche kann abdanken  

Text: Edith Lier
Bild: Marion Nitsch

Baumbestattungen, religionsfreie Trauerfeiern und individuelle Rituale lösen zunehmend kirchliche Beerdigungen ab.

Der Gedanke an die persönlich ausgewählte Linde als letzte Ruhestätte im Friedwald Zürich-Altstetten eröffnet Claudia Burkhardt eine neue spirituelle Dimension. «Ich sehe jetzt den Tod in einem anderen Licht», sagt die zweifache Mutter. Seit ihrer Kindheit strahle der Baum für sie «eine symbolische Kraft» aus. Auch ihr Mann Dieter steht überzeugt hinter der Bestattungsalternative in freier Natur.

Die Vorstellung, Grab an Grab auf dem städtischen Friedhof Eichbühl platziert zu sein, schreckte die naturverbundenen Eltern ab. Auf der Suche nach stimmigen Alternativen stiessen sie auf die Möglichkeit des Friedwaldes von Ueli Sauter. Als eine Tante von Claudia Burkhardt schwer krank im Spital lag, war das Thema Tod gegenwärtig: Zeit, die Wünsche und Vorstellungen für die eigene Bestattung festzulegen. Anhand eines Situationsplans des Friedwaldes schritt die vierköpfige Familie das Gelände ab und einigte sich auf eine Linde mitten in einem ruhigen Waldstück abseits des Weges.

Als «Ort lebendiger Stille» bleibt der Friedwald bis zu 99 Jahre durch einen Grundbucheintrag geschützt. So brauchen sich die Angehörigen nicht mit der Aufhebung des Grabes auseinander zu setzen, und die Grabpflege besorgt die Natur. Vor der persönlich gestalteten Beisetzung der Asche im Wald findet vielfach eine kirchliche Abdankung statt.

5000 Franken für ein Grab im Grünen

Mit dem Projekt Friedwald löste Ueli Sauter aus Mammern TG vor rund zehn Jahren eine Kontroverse aus über Bestattungsmethoden, die aus dem kirchlichen Rahmen fallen, und hielt Behörden und Ämter auf Trab. Mittlerweile verfügt er über ein Netz von rund 50 Standorten in der Schweiz. Vermehrt entschliessen sich Alleinstehende für einen Baum, um nach dem Tod niemandem zur Last zu fallen, wie Friedwald-Initiator Sauter feststellt. Zur Wahl stehen vorwiegend einheimische Laubbäume wie Ahorn, Linde, Eiche, Rotbuche oder Birke. Der Preis für eine Ruhestätte im Grünen: 4600 bis 4900 Franken. Grabschmuck ist fehl am Platz. Einzig ein kleines Schild mit einem Buchstabencode kennzeichnet den Baum als Grabstelle.

Ganz ohne Hinweis an die Nachwelt liegt auf der Alp Spielmannda im Freiburgerland bis jetzt die Asche von 143 Verstorbenen begraben. Seit 1990 waltet Mundartdichter und Naturschützer Franz Aebischer in luftiger Höhe seines Amtes als Naturbestatter. In der Regel lassen sich Interessierte nach einem persönlichen Augenschein ein Lieblingsplätzchen unter einem Alpenrosenstrauch oder einem Tännchen reservieren und schliessen mit Aebischer für 1500 Franken einen Bestattungsvertrag ab. Ein Pfarrer sei bei der Beisetzung nie dabei, und er selber frage auch nicht nach der Konfession der Verstorbenen. Er rate den Angehörigen lediglich, sich genügend Zeit zu nehmen und ein Picknick einzupacken.

Alternativen zu den herkömmlichen Kirchenritualen gehören längst zum Angebot der Bestattungsunternehmen. Franz Schrag, Präsident des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste mit einem eigenen Unternehmen in der Region Bern, schätzt, dass sich ein Fünftel eine individuelle Beisetzung wünscht. Der rechtliche Spielraum im Umgang mit Urne und Asche ist in der Schweiz sehr gross (siehe Artikel zum Thema «Bestattungsalternativen: Das ist erlaubt»).

Darfs eine recycelte Bio-Urne sein...

Soll die Asche einem Gewässer beigegeben werden, verweist Schrag auf die speziellen Seebestattungsurnen, die sich nach rund drei Tagen im Wasser auflösen. Auch Bio-Urnen aus gepressten organischen Rückständen stossen auf Anklang. Tonurnen, so gilt es zu bedenken, bauen sich weder im Wasser noch in der Erde ab und könnten dereinst als vermeintlicher «Schatzfund» ans Tageslicht geholt werden. Wird die Urne ausserhalb des Friedhofs im Freien begraben, ist in jedem Fall der Grundeigentümer zu kontaktieren.

Während noch vor zehn Jahren für religionsfreie Trauerfeiern ohne Pfarrer einzig die Freidenker zur Stelle waren, bieten heute Heerscharen von freien Theologen, Ritualberaterinnen sowie Bestattungs- und Trauerredner ihre guten Dienste an. Sie wenden sich an Konfessionslose, aus der Kirche Ausgetretene oder enttäuschte Mitglieder, «die sich nicht von der Kirche vereinnahmen lassen wollen», wie der freischaffende Theologe Wolfgang Weigand aus Uster ZH sagt. Er gestaltet persönliche und kirchlich unabhängige Trauerfeiern. Dabei respektiere er die «religiösen, spirituellen oder philosophischen Gedanken der Verstorbenen und Angehörigen».

...oder gar eine Weltraumbestattung?

Lukas F. Simon aus Kaiseraugst AG, Gestalter von konfessionell neutralen Trauerfeiern, ist ein «gläubiger Mensch», wie er selber sagt, verzichtet aber bei Trauerreden auf Bibelzitate und deren Auslegung: «In der Regel verstehen die Leute nicht mehr, was die Kirche predigt.» Auch das Wort Abdankung verwendet er nicht, sondern spricht von «Trauerfeier». Simon legt Wert auf die «Kultur des Abschieds» und die «Würdigung der verstorbenen Person».

Auch religionsfreie Trauerfeiern ohne Andeutung auf eine Vereinigung im Jenseits können das Innerste berühren, wie der Freidenker Werner Strebel selbst von Kirchenmitgliedern immer wieder bestätigt bekommt. Der frühere Zürcher Gemeinderat ist Mitglied des Fachverbandes für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur e.V. und versteht sich als «Anwalt der Verstorbenen». Das kirchliche Ritual nehme so viel Raum ein, dass für das Menschliche und Tröstliche kaum mehr Platz bleibe. Er selber zünde allenfalls eine Kerze an als Symbol dafür, dass das eigentliche Lebenslicht der Verstorbenen ausgelöscht worden sei und jetzt das Licht der Erinnerung auflebe. Die engsten Angehörigen nehmen die Kerze dann mit nach Hause. Werner Strebels Credo: «Erinnerungen können Berge versetzen.»

Das allgemeine «Unbehagen» über die üblichen Formen von Abschiedsfeiern ortet der ausgebildete Theologe und Psychologe Gabriel Looser darin, dass den Kirchen immer noch das «Monopol auf diese Anlässe» überlassen wird. Der spirituelle Sterbebegleiter mit eigenem Institut in Bern plädiert für neue, kreative Wege.

Darin sind uns die Nordamerikaner mit Weltraumbestattungen, virtuellen Gedenkstätten und Abdankungen über das Internet um Welten voraus. Kreativität, die wir meinen?



Quelle: beobachter.ch


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